Karl Lauterbach und Long Covid bei Kindern
Wer sich kritisch zu Verschwörungstheorien und (rechten) Mediennarrativen äußert, dem wird schnell unterstellt, ein Agent der Regierung zu sein und das »Narrativ von oben« zu propagandieren. Während wir noch sehnsüchtig auf den Scheck für unsere tüchtige Arbeit warten – den wir schon bei all den Demos der letzten Jahre schmerzlich vermisst haben – machen wir das, was wir immer machen: ehrliche, faktenbasierte Kritik. Unabhängig davon, wen es trifft. Auch Karl Lauterbach und seine problematischen Aussagen zu Long Covid bei Kindern.
Lauterbachs 15 Minutes of Fame
Ein Blick auf die von Lauterbach herangezogenen Studien offenbart jedoch gravierende methodische Schwächen derselben und wirft Zweifel auf, ob diese tatsächlich Grundlage für derart weitreichende politische Forderungen sein sollten.
Die Studien
Damit ihr euch ein eigenes Bild machen könnt, haben wir euch die Studien verlinkt:
Die britische Studie findet ihr hier.
Die italienische Studie findet ihr hier.
Die britische Studie
Die britische Studie präsentiert beeindruckende Zahlen: Eine Million gemeldete Long-Covid-Fälle bis zum März 2021. Das klingt zunächst nach einer soliden Grundlage.
Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich erhebliche Schwächen. Erstes Problem: Die Studie prüfte nicht, ob die Teilnehmer tatsächlich Corona hatten. Es reichte, wenn sie »Corona hatten oder vermuteten, dass sie Corona hatten«. Mit anderen Worten: Auch Menschen ohne nachgewiesene Infektion konnten teilnehmen.
Warum ist das problematisch? Selbstdiagnosen sind notorisch unzuverlässig. Wer hat sich nicht schon einmal dank Google eine schwere Krankheit eingeredet? Ein aktuelles Beispiel: Immer mehr junge Menschen diagnostizieren sich selbst mit ADHS oder Autismus, nachdem sie entsprechende Inhalte auf Social-Media gesehen haben. Wenn schon TikTok-Videos solche Effekte haben, welchen Einfluss hatte dann die damals allgegenwärtige Corona-Berichterstattung?
Zweites Problem: Der Fragebogen unterschied nicht zwischen neuen und bereits bestehenden Symptomen. Teilnehmer berichteten über Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme – aber niemand fragte, ob diese erst nach einer vermeintlichen Corona-Infektion auftraten oder schon vorher da waren.
Das entscheidende Manko: Es gab keine Kontrollgruppe. Ohne Vergleichsgruppe von Menschen ohne Corona-Verdacht lässt sich nicht feststellen, ob die gemeldeten Symptome tatsächlich mit Corona zusammenhängen. Brain Fog und Fatigue könnten genauso gut vom Lockdown-Stress oder der allgemeinen Pandemie-Erschöpfung stammen.
Die italienische Studie
Die italienische Studie verbessert einiges: Nur 129 Kinder, dafür aber alle mit nachgewiesener Corona-Infektion. Weniger Teilnehmer, aber dafür gesicherte Daten. Auch der Fragebogen ist präziser und fragt explizit nach Beschwerden, die im Zusammenhang mit der Corona-Erkrankung auftraten.
Doch dann beginnen auch bei dieser Studie die Probleme: Die Einschätzung, ob Symptome tatsächlich mit Corona zusammenhängen, wird komplett den Eltern überlassen – ohne geschultes Personal oder ärztliche Begleitung. Warum das gefährlich ist, zeigt ein Beispiel aus den 90ern. Als Andrew Wakefield 1998 eine Studie veröffentlichte, die angeblich den Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus bewies, sprangen die Medien sofort darauf an. In den folgenden Jahren brachten daraufhin unzählige Eltern den Autismus ihrer Kinder mit der MMR-Impfung in Verbindung. Die Anti-Vaxxer-Bewegung war geboren.
Dabei hatte es diesen Zusammenhang nie gegeben. Wakefield hatte selbst ein Patent auf einen Masern-Impfstoff angemeldet und wollte mit diesem Coup seine eigene Impfung konkurrenzfähiger machen. Seine Studie wurde 2010 wegen gravierender Fehler und Betrugsvorwürfen zurückgezogen, er bekam Berufsverbot. Die Eltern hatten Zusammenhänge gesehen, wo keine waren – emotional betroffen und durch Medienberichte beeinflusst. Genau deshalb sollte man solche Einschätzungen nicht Laien überlassen.
Das finale Problem: Auch diese Studie hatte keine Kontrollgruppe. Damit sind definitive Aussagen über Ursache und Wirkung unmöglich.
Eine Kritik
Trotz aller Kritik: Die zitierten Studien deuten durchaus darauf hin, dass Long Covid bei Kindern ein relevantes Thema ist. Sie erfüllten einen einen wichtigen Zweck – sie lieferten die Grundlage für weiterführende Forschung. Uns ist wichtig: Dieser Artikel will nicht behaupten, Long Covid gäbe es nicht oder sei unproblematisch.
Gleichzeitig wollen wir Herrn Lauterbach scharf kritisieren. Die von ihm zitierten Studien als Basis für politisches Handeln heranzuziehen, halten wir für verantwortungslos. Mit seiner Impfempfehlung für Kinder stellte er sich gegen die damalige Empfehlung der STIKO. Für seine Aussage »Wenn wir Kindern keine Impfung anbieten, kann [Long Covid] im Herbst ein Problem werden.« gab es keine ausreichenden Beweise.
Als Gesundheitsminister und studierter Mediziner hätte er sich der Wirkung seiner Äußerungen bewusst sein müssen. Seine Worte prägten die öffentliche Debatte. Ein Großteil der Medien übernahm Lauterbachs Aussagen ohne zu hinterfragen und sie wurden schnell zur »korrekten« Meinung. Das Ergebnis: Viele Kinder und Jugendliche ließen sich entgegen der STIKO-Empfehlung impfen und in Deutschland brach eine Debatte mit wackeligen Fakten aus – an vorderster Front unser Gesundheitsminister.
