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Illustration eines traurigen Mädchens in roter Jacke, die auf dem Boden sitzt und den Kopf in die Hände stützt.

26. August 2024 · 5 Minuten Lesezeit

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Karl Lauterbach und Long Covid bei Kindern

Wer sich kritisch gegenüber alternativen Medien und Verschwörungstheorien äußert, dem wird schnell unterstellt, das »Narrativ von oben« zu bedienen. Während wir noch  auf den Scheck für unsere linientreue Arbeit warten, machen wir das, was wir immer machen: ehrliche, faktenbasierte Kritik. Unabhängig davon, wen es trifft. Auch Karl Lauterbach und seine problematischen Aussagen zu Long Covid bei Kindern.

Lauterbachs 15 Minutes of Fame

Während der Corona-Pandemie war Karl Lauterbach aus der deutschen Medienlandschaft kaum wegzudenken. In unzähligen Talkshows und Interviews prägte der damalige SPD-Gesundheitsexperte die öffentliche Diskussion – eines seiner zentralen Themen: Long Covid.

Lauterbach sah in Long Covid bei Kindern einen wichtigen Grund für mehr Impfungen und schärfere Regeln im Schulalltag. Als wissenschaftliche Grundlage für seine Aussagen verwies er gegenüber der Bild eine Studie des britischen Office for National Statistics sowie eine »große italienische Studie«. Die Studie des britischen Office for National Statistics war viele Jahre lang prominent auf Lauterbachs Website verlinkt. Dazu schrieb er im Juni 2021: »Wenn wir Kindern keine Impfung anbieten, kann [Long Covid] im Herbst ein Problem werden.«

Die von Lauterbach herangezogenen Studien weisen jedoch erhebliche methodische Schwächen auf – was die Frage aufwirft, ob sie als Basis für die weitreichende politische Forderungen herangezogen geeignet waren.

Die britische Studie

Die britische Studie präsentiert beeindruckende Zahlen: Eine Million gemeldete Long-Covid-Fälle bis zum März 2021. Das klingt nach einer soliden Grundlage – zumindest auf den ersten Blick.

Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich erhebliche Schwächen.

Erstens: Die Studie prüfte nicht, ob die Teilnehmer tatsächlich Corona hatten. Es reichte, wenn sie angaben, sie hätten Corona gehabt – oder vermuteten, sie hätten es gehabt. Mit anderen Worten: Auch Menschen ohne nachgewiesene Infektion konnten teilnehmen.

Warum ist das problematisch? Selbstdiagnosen sind notorisch unzuverlässig. Wer hat sich nicht schon einmal selbst dank Google eine Krankheit eingeredet? Ein  aktuelles Beispiel: Immer mehr junge Menschen diagnostizieren sich selbst mit ADHS oder Autismus, nachdem sie entsprechende Inhalte auf Social-Media gesehen haben. Wenn schon TikTok-Videos solche Effekte haben – welchen Einfluss hatte dann die damals allgegenwärtige Corona-Berichterstattung?

Zweitens: Der Fragebogen unterschied nicht zwischen neuen und bereits bestehenden Symptomen. Teilnehmer berichteten über Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme – aber niemand fragte, ob diese erst nach einer vermeintlichen Corona-Infektion auftraten oder schon vorher da waren.

Drittens – das größte Manko der Studie: Es gab keine Kontrollgruppe. Ohne Vergleichsgruppe von Menschen ohne Corona-Verdacht lässt sich schlicht nicht sagen, ob die gemeldeten Symptome tatsächlich mit Corona zusammenhängen. Brain Fog und Fatigue könnten genauso gut vom Lockdown-Stress oder der allgemeinen Pandemie-Erschöpfung stammen.

Die italienische Studie

Die italienische Studie schneidet auf den ersten Blick besser ab: Nur 129 Kinder, dafür aber alle mit nachgewiesener Corona-Infektion. Weniger Teilnehmer, aber dafür gesicherte Daten. Auch der Fragebogen ist präziser und fragt explizit nach Beschwerden, die im Zusammenhang mit der Corona-Erkrankung auftraten.

Doch dann beginnen auch schon die Probleme: Die Einschätzung, ob Symptome tatsächlich mit Corona zusammenhängen, überließ man vollständig den Eltern – ohne geschultes Personal, ohne ärztliche Begleitung.

Warum das heikel ist, zeigt ein bekanntes Beispiel aus den 1990er-Jahren: Als Andrew Wakefield 1998 eine Studie veröffentlichte, die angeblich einen Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus belegte, griffen die Medien das Thema sofort auf. In der Folge sahen unzählige Eltern den Autismus ihrer Kinder als Folge der Impfung: Die Anti-Vaxxer-Bewegung war geboren.

Dabei existierte dieser Zusammenhang nie. Wakefield hatte selbst ein Patent auf einen Masern-Impfstoff angemeldet und wollte mit der gefälschten Studie seinen eigenen Wirkstoff vermarkten.
2010 wurde seine Studie wegen schwerer methodischer Mängel und Betrugs zurückgezogen, Wakefield verlor seine Approbation.

Eltern hatten Zusammenhänge gesehen, wo keine waren – emotional betroffen und durch mediale Berichterstattung beeinflusst. Genau deshalb sollten solche Einschätzungen nicht Laien überlassen werden.

Und auch diese Studie hatte keine Kontrollgruppe, womit keine gesicherte Aussagen über Ursache der gemeldeten Symptome möglich ist. 

Trotz aller Kritik: Die zitierten Studien deuten durchaus darauf hin, dass Long Covid bei Kindern ein relevantes Thema ist. Sie erfüllten auch einen wichtigen Zweck – sie lieferten erste Anhaltspunkte und eine Grundlage für weiterführende Forschung.

Uns ist wichtig: Dieser Artikel will nicht behaupten, Long Covid gäbe es nicht oder sei unproblematisch. Gleichzeitig wollen wir Herrn Lauterbach scharf kritisieren. Die von ihm zitierten Studien als Basis für politisches Handeln heranzuziehen, halten wir für verantwortungslos. Mit seiner Impfempfehlung für Kinder stellte er sich gegen die damalige Empfehlung der STIKO. Für seine Aussage »Wenn wir Kindern keine Impfung anbieten, kann [Long Covid] im Herbst ein Problem werden.« gab es keine ausreichenden Beweise.

Als Gesundheitsminister und studierter Mediziner hätte Lauterbach sich der Wirkung seiner Worte bewusst sein müssen. Seine Aussagen prägten die öffentliche Debatte – und ein Großteil der Medien übernahm sie, ohne sie kritisch zu hinterfragen. So wurde seine Position schnell zur vermeintlich »richtigen« Meinung.

Das Ergebnis: Viele Kinder und Jugendliche ließen sich entgegen der STIKO-Empfehlung impfen und in Deutschland brach eine Debatte mit wackeligen Fakten aus – an vorderster Front unser Gesundheitsminister.

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