01. August 2025 · 10 Minuten Lesezeit
War die Corona-Impfung schädlich für Kinder?
Um die Corona-Impfung ranken sich mehr Mythen als um die Götter des Olymps. Von angeblich Millionen Impftoten bis zur Behauptung, die Spritze mache anfällig für Krebs – das Repertoire an Fantastereien ist endlos. Je tiefer man in den digitalen Kaninchenbau von Telegram, Facebook & Co. hinabsteigt, desto abenteuerlicher werden die Geschichten. Doch auch etablierte Medien wie Nius tragen ihren Teil zur Mythenbildung bei. Zeit, mit einigen dieser Gerüchte aufzuräumen – und zwei besonders hartnäckige Thesen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Won't somebody please think of the children!
Ein altbewährter Trick, um Behauptungen mehr Gewicht zu verleihen, ist Emotionalisierung. Alternative Medien beherrschen dieses Spiel perfekt – und greifen in der Impfdebatte nur zu gern zum stärksten aller Reize: dem Schutz der Kinder.
Nius etwa behauptet, die Corona-Impfung sei für Kinder völlig nutzlos gewesen – und unterstellt sogar, sie habe ihnen geschadet. Slay News legt nach und präsentiert reißerische Zahlen: Die Sterblichkeit geimpfter Kinder liege angeblich um 4423 % höher als bei ungeimpften, das Risiko, an Corona zu sterben, sei 137-mal größer.
Bevor wir diese Aussagen als Unsinn abtun, lohnt sich ein genauerer Blick. Denn beide Plattformen berufen sich auf wissenschaftliche Studien. Könnte da also doch etwas dran sein?
Slay News und die britische Studie
Die Studie, auf die sich Slay News beruft, erfasst Todesfälle in Großbritannien, nach Impfstatus unterteilt und aufgeschlüsselt in Altersklassen. Wir betrachten, wie auch Slay News, vorerst nur die Altersklasse der 10- bis 14-Jährigen. (Den Datensatz findet ihr in dieser Excel, in »Table 6«)
Insgesamt unterscheidet die Studie acht Impfgruppen – von ungeimpften bis zu dreifach geimpften Kindern. Für jede Gruppe werden dabei zwei Werte angegeben: die Personenjahre (also die aufsummierte Beobachtungszeit aller Kinder der jeweiligen Gruppe) und die Anzahl der Todesfälle. Letztere sind in drei Kategorien unterteilt: Covid-19-bedingte, nicht Covid-19-bedingte und Gesamt-Todesfälle.
Auf Basis dieser Daten berechnet Slay News die Sterberaten – also, wie viele Todesfälle pro 100.000 Personenjahre auftraten – und vergleicht diese. Den Fokus legen sie dabei auf zwei Gruppen: ungeimpften Kindern und jenen, die ihre dritte Impfung oder einen Booster vor mehr als 21 Tagen erhalten haben (im Folgenden »K+«).
Und tatsächlich: Der Vergleich scheint eindeutig. Kinder der Gruppe K+ weisen eine um 4423 % höhere Gesamtsterberate und eine 137-mal höhere Covid-Sterberate auf als ungeimpfte Kinder.
Case closed – die Impfung bringt also reihenweise Kinder um? Natürlich nicht. Denn bei genauerem Hinsehen offenbaren sich gravierende Schwächen in der Analyse von Slay News.
Die Maus im Raum
Sprechen wir gleich den sprichwörtlichen Elefanten – oder in diesem Fall die Maus – im Raum an. Denn der Datensatz, auf dem Slay News ihre Behauptungen aufbaut, ist klein. Sehr klein. In der Gruppe der K+ gab es genau einen Todesfall im Zusammenhang mit COVID-19. insgesamt waren es nur sieben Todesfälle. Eine Information, die Slay News lieber unter den Tisch fallen lässt. Stattdessen präsentieren sie ausschließlich ihre hochgerechneten Sterberaten – und kaschieren damit geschickt, wie dünn die Datenlage eigentlich ist.
Die Daten der Studie. Grün markiert die Gruppe der ungeimpften Kinder, so wie die der Gruppe K+
Zum Vergleich: Die Darstellung von Slay News anhand der Sterberaten
Man erkennt schnell: Slay News greift nicht nur zu einer stark verzerrten Darstellung der Fakten – die Datenbasis ist insgesamt viel zu schwach, um daraus verlässliche Schlüsse zu ziehen. Hinzu kommt, dass die Beobachtungszeit für die Gruppe K+ extrem kurz war. Fazit: Die Daten sind statistisch nicht signifikant.
Eigentlich könnten wir an dieser Stelle schon Schluss machen, denn die Aussagen von Slay News sind damit bereits eindeutig widerlegt. Doch ein paar Kritikpunkte bleiben noch.
Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt
Obwohl in der Studie nach acht Gruppen unterschieden wird – ungeimpfte Kinder, einfach Geimpfte, doppelt Geimpfte und so weiter – stützt sich der Artikel von Slay News auf einen gezielten Vergleich. Denn die vermeintlich alarmierenden Zahlen kommen nur dann zustande, wenn man die Gruppe der ungeimpften Kinder der Gruppe K+ gegenüberstellt – während ein Vergleich mit anderen geimpften Gruppen teils zu genau gegenteiligen Ergebnissen führt.
Dass Slay News trotzdem von einem generellen Vergleich zwischen »geimpften und ungeimpften Kindern« spricht, ist schlicht irreführend. Diese Aussage wäre nur dann korrekt, wenn alle geimpften Kinder gemeinsam betrachtet würden. Genau das haben wir getan – und das Ergebnis ist ernüchternd: Die Sterberaten unterscheiden sich kaum.
Letztlich ist natürlich auch dieser Vergleich nicht aussagekräftig – die zugrunde liegenden Daten sind statistisch nicht signifikant. Uns ging es vor allem darum zu zeigen, wie sehr sich Slay News bemühen musste, um ihre schlagzeilenträchtigen Aussagen überhaupt formulieren zu können.
Dafür gehen sie generell sehr geschickt vor und entscheiden ganz bewusst, welche Informationen sie ihren Lesern präsentieren – und welche nicht. So verschweigen sie etwa einen zentralen Datensatz der Studie, der die altersstandardisierten Sterblichkeitsraten aufführt – und ihrem Artikel eindeutig widerspricht (Den Datensatz findet ihr in dieser Excel, in »Table 3«): Die allgemeine Sterberate unter Ungeimpften ist hier mehr als doppelt so hoch wie unter Geimpften. Noch deutlicher zeigt sich der Unterschied bei Covid-19-Todesfällen: Ungeimpfte starben rund 13-mal häufiger an Corona. Da der Datensatz sehr groß ist, sind die Ergebnisse außerdem statistisch sehr verlässlich – ganz im Gegensatz zu den Daten, den Slay News für ihre Aussagen heranziehen.
Not Everything That Can Be Counted Counts
Diese haben übrigens nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives Problem. Es fehlen wichtige Informationen über die Personen, die darin erfasst wurden – zum Beispiel zu ihrem Gesundheitszustand oder anderen relevanten Merkmalen. Hinzu kommt: Die Datengrundlage ist, wie bereits erwähnt, sehr klein. Das bedeutet: Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ und lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung oder auf mögliche Auswirkungen der Impfung zu.
The cake is a lie
Machen wir uns kurz bewusst, was Slay News tatsächlich behauptet, wenn sie von einer um 4423 % höheren Sterbewahrscheinlichkeit bei geimpften Kindern sprechen: Sie suggerieren, dass Kinder an den Folgen der Corona-Impfung sterben.
Die Realität sieht völlig anders aus. Laut offizieller Statistik zu Todesfällen im Zusammenhang mit COVID-19-Impfstoffen in England und Wales wurde in der Altersgruppe der 10- bis 19-Jährigen zum damaligen Zeitpunkt ein einziger Todesfall im Zusammenhang mit der Impfung registriert. Einer.
Die Studie bietet also nicht nur keine Grundlage für die reißerischen Behauptungen – sie kommt sogar zu einem gegenteiligen Schluss: Die Impfung bot einen nachweisbaren Schutz vor Covid-19. Bleibt die Frage: Ist dafür am Artikel von Nius etwas dran?
Nius und die Oxford-Studie
Werfen wir also einen Blick auf die Studie, in der Nius den Beweis sieht, dass die Corona-Impfung für Kinder schädlich gewesen sei. Als Argument nennen sie einen zentralen Befund der Studie: Myokarditis und Perikarditis – also Entzündungen des Herzmuskels und Herzbeutels – traten sowohl bei Jugendlichen als auch bei Kindern ausschließlich in den geimpften Gruppen auf. Nius kommentiert dazu: »Sogar von Corona völlig ungefährdete Kinder wurden geimpft…« Behalten wir uns diese Aussagen im Hinterkopf.
Äpfel und Cyanid
Aber bevor wir uns die Studie genauer ansehen, möchten wir zunächst auf Nius’ Kernaussage eingehen: Die Impfung stelle eine erhebliche Gefahr für Kinder dar. Doch wie groß ist diese Gefahr tatsächlich? Herzmuskelentzündungen traten in der Studie bei etwa 0,003 % der untersuchten Kinder auf. Schwere Verläufe gab es bei rund 0,001 %. Zur Einordnung: Nach gängigen pharmazeutischen Standards gelten Nebenwirkungen mit einer Häufigkeit von weniger als 0,01 % als »sehr selten« – die niedrigste definierte Kategorie für Häufigkeiten.
Um diese zugegebenermaßen schwer greifbaren Risiken in Kontext zu setzen, blicken wir kurz nach Deutschland: Hierzulande haben sich etwa 4,6 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren impfen lassen. Überträgt man die Studienergebnisse, wären demnach etwa 50 schwere Fälle von Herzmuskelentzündung zu erwarten. Zum Kontext: In einer vergleichbaren Altersgruppe sind 45 Kinder an Corona verstorben. Nius verfängt sich im Widerspruch: Einerseits verharmlosen sie die tödlichen Gefahren durch Covid-19, andererseits dramatisieren sie die Risiken der Impfung.
Dabei ist uns wichtig zu betonen: Wir wollen die Ernsthaftigkeit von Impfnebenwirkungen keinesfalls herunterspielen. Wir erkennen ausdrücklich an, was betroffene Kinder und ihre Familien durchgemacht haben. Dennoch: Die Risiken der Impfung sollten verhältnismäßig bewertet und sachlich eingeordnet werden.
In God we trust. All others must bring data
Werfen wir also einen genaueren Blick auf die Studie. Sie vergleicht gleich große Gruppen von Kindern mit unterschiedlichem Impfstatus – ungeimpft, einmal geimpft und zweimal geimpft. Beobachtet wurden dabei elf Gesundheitsindikatoren: fünf im direkten Zusammenhang mit Covid-19 (etwa Infektionen, Krankenhausaufenthalte und Intensivbehandlungen) sowie sechs weitere, darunter die genannten Herzmuskelentzündungen.
An der ersten Auswertung – einmal Geimpfte versus Ungeimpfte – nahmen jeweils mehr als 400.000 Kinder teil. Auch der Vergleich zwischen einfach und doppelt Geimpften basiert auf Gruppen von jeweils über 200.000 Kindern. Die Auswahl erfolgte nach klaren wissenschaftlichen Kriterien, der Beobachtungszeitraum erstreckte sich über mehrere Wochen. Kurz gesagt: eine solide Datenbasis.
Et tu, Brute?
Besonders relevant ist für uns der Vergleich zwischen einmal geimpften und ungeimpften Kindern – denn genau hier liegt der Fokus von Nius.
Eigene Darstellung auf Basis der Studie von Rawlinson et al. (2024). Nicht berücksichtigt wurden folgende Gesundheitsindikatoren: Frakturen, A&E-Aufnahmen, ungeplante Klinikaufenthalte und nicht-COVID-bezogene Todesfälle.
Der Vergleich zeichnet ein deutliches Bild: Bei ungeimpften Kindern traten schwere Krankheitsverläufe wesentlich häufiger auf. So mussten in der ungeimpften Gruppe 18 Kinder mehr notfallmedizinisch behandelt werden – darunter potenziell lebensbedrohliche Fälle. Auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte war deutlich höher. Coronabedingte Intensivpflege war ausschließlich bei ungeimpften Kindern erforderlich. Zudem lag die Zahl der Corona-Infektionen in dieser Gruppe deutlich höher.
Natürlich lassen sich einzelne Krankheitsverläufe nicht immer eins zu eins vergleichen. Doch das Muster ist eindeutig: Geimpfte Kinder waren seltener schwer krank, mussten seltener ins Krankenhaus und infizierten sich deutlich seltener.
Tatsächlich traten Myokarditis und Perikarditis ausschließlich bei geimpften Kindern auf. Sechs von ihnen mussten intensivmedizinisch behandelt werden. Diese Fälle sind ernst zu nehmen und verdienen Aufmerksamkeit. Doch stellt man sie den schweren Covid-19-Verläufen der ungeimpften Gruppe gegenüber, zeigt sich klar: Das Risiko schwerer Komplikationen war ohne Impfung höher.
Auch wenn Nius behauptet, die Impfung sei für Kinder schädlich gewesen, zeigt die von ihnen zitierte Studie das genaue Gegenteil: Ungeimpfte Kinder hatten ein deutlich größeres Gesundheitsrisiko.
Vor diesem Hintergrund wirken Nius’ Aussagen fast schon zynisch: »Sogar von Corona völlig ungefährdete Kinder wurden geimpft.« Offenbar zählen für Nius weder lebensbedrohliche Notfälle noch Krankenhausaufenthalte als »Gefährdung«. Gleichzeitig wird das Auftreten von Herzmuskelentzündungen in den Fokus gerückt. Diese Argumentation fällt letztlich in sich selbst zusammen.
In Conclusion...
Für die in ihrem Artikel aufgestellten Behauptungen greift Slay News zu einer stark verzerrten Darstellung der zitierten Studie. Die tatsächliche Zahl der Todesfälle wird schlicht verschwiegen. Stattdessen präsentieren sie einen sorgfältig kuratierten Vergleich, der ihre Aussagen besonders dramatisch erscheinen lässt. Erkenntnisse, die nicht ins Bild passen, tauchen einfach nicht auf.
Auch Nius konzentriert sich fast ausschließlich auf mögliche Risiken der Impfung – und verschweigt dabei sowohl deren Nutzen als auch die Gefahren, die mit dem Verzicht auf eine Immunisierung einhergehen. Mit einer derart einseitigen Darstellung ließe sich jede Impfung oder medizinische Maßnahme diskreditieren.
Ironischerweise führen gerade die Studien, mit denen die Impfung diskreditiert werden sollte, bei genauerem Hinsehen zu gegenteiligen Ergebnissen.
Am Ende bleibt die klassische »Dumm-oder-Arschloch«-Frage: Haben die Autoren die Studien wirklich nicht verstanden – oder wollten sie ihre Leser bewusst täuschen? Die Indizien sprechen klar für Letzteres. Beides ist fatal.

